miteinander

Der Rhein verbindet Karlsruhe mit den Gewässern der Welt. Der mächtige Strom fließt hier zügig in begradigtem Bett; er ist Wasserstraße und Grenze, Wirtschaftsraum und Erholungsort. Der alte Flusslauf bietet Raum für öko­logische Vielfalt.

Die weite Welt fließt an Karlsruhe vorbei, wortwörtlich wenige Kilometer außerhalb des Zentrums – die Stadt vergisst den Rhein mitunter fast. Damit tut sie dem längsten Fluss Westeuropas unrecht – Zeit, das große Fließen näher unter die Lupe zu nehmen.

 

Text: Cordula Schulze
Fotos: Anne-Sophie Stolz

 

Ob wohl am Rhein noch professionell gefischt wird? Wer sich mit dem Leben am und mit dem Fluss befasst, stellt sich diese Frage schnell. Und tatsächlich, es gibt Fischer auf dem Rhein. Die einzige Karlsruher Familie, die die Fischerei als Haupterwerb betreibt, sind die Kuhns in Neureut. Vater Götz und seine beiden Söhne Lars und Hannes üben den traditionsreichen Beruf gemeinsam aus. Der Fischwirtschaftsmeister hat die beiden ausgebildet; sie treten seine Nachfolge mit Freude an. Ob es ihnen nichts ausmacht, nachts und bei Kälte unterwegs zu sein? Im Gegenteil versichern sie, sie teilen die Naturverbundenheit und die Liebe zur Freiheit auf dem Wasser. »Freude und Verzweiflung liegen in unserem Beruf eng beieinander«, betont Götz Kuhn. Schließlich wisse man nie, was sich in den tags zuvor ausgelegten Netzen finde. Er habe zwar davon geträumt, Fischer zu sein, aber der Weg in eine auskömmliche Position sei nicht einfach gewesen. Seine Söhne sehen in der Tätigkeit des Fischers heute eine echte Zukunftsperspektive. Einerseits lege man in der Sterneküche Wert auf frische, regionale Zutaten. Und da kommen fangfrische Zander, Hecht, Wels und Barsch doch gerade recht. »In den Wintermonaten fangen wir Speisefische vor allem für die gehobene Gastronomie. Sternerestaurants wissen unsere Fische zu schätzen«, sagt Hannes Kuhn, der ältere der beiden Brüder.

Vater Götz Kuhn und seine Söhne Lars und Hannes sind die einzige Karlsruher Familie,
die Fischerei als Hauptberuf betreibt.

 

Die Kuhns haben eine Pacht im Naturschutzgebiet Kleiner Bodensee –
eines von mehreren im Karlsruher Flussabschnitt.

Zwischen Rhein und Baggersee unterwegs

Das zweite Standbein der Kuhns ist die Auftragsfischerei. Hier geht es weniger darum, den köstlichsten Fisch zu fangen, sondern unter anderem um so genannte Biomanipulation. Darunter versteht man zum Beispiel die Sanierung von Gewässern durch gezieltes Fangen von schlammwühlenden und Zooplankton fressenden Fischen oder die Evakuierung ins Meer abwandernder Blankaale, um sie vor den Turbinen der Kraftwerke gestauter Flüsse zu schützen. Das Know-how der Männer mit einem uralten Beruf ist gefragt.

Sie kennen den schnell fließenden Strom und die kleineren langsamen Gewässer, die mit ihm verbunden sind, bestens. Zum Beispiel das Naturschutzgebiet Kleiner Bodensee nordwestlich vom Stadtteil Neureut. Familie Kuhn hat hier eine Pacht. In den Wintermonaten fischen sie hier vor allem Weiß-fische, daneben Welse und Karpfen. »Der Kleine Bodensee ist einer der letzten natürlich gebliebenen Altrheinarme«, sagt Götz Kuhn. Aus diesem Grund ist der See auch ein Naturschutzgebiet, eines von mehreren im Karlsruher Flussabschnitt.

Die artenreichsten Ökosysteme Mitteleuropas

Der Rhein selbst ist hier zwar im 19. Jahrhundert stark begradigt worden, aber vom alten, kurvigen, mäandernden Flusslauf ist noch viel übriggeblieben. Ein Fest für Flora und Fauna, ein Glück für die Karlsruherinnen und Karlsruher. »Die Auen an den Übergangszonen zwischen Wasser und Land gehören in Mitteleuropa zu den artenreichsten Ökosystemen überhaupt. Sie weisen eine große Vielfalt an Insekten wie zum Beispiel Libellen, Käfer und Schmetterlinge auf. Auch der Vogelreichtum ist für diese Wasserlandschaft charakteristisch«, informiert Klaus Hofmann, stellvertretender Leiter des Naturschutzzentrums in Rappenwört. Über 900 Pflanzenarten und rund 280 Vogelarten, 40 Fischarten, 50 Säugetierarten, 17 Amphibienarten und acht Reptilienarten seien dort zuhause.

Die Eingriffe in den natürlichen Flusslauf durch den Ingenieur Johann Gottfried Tulla wirken bis heute nach. Ziel des 1770 in Karlsruhe geborenen und 1828 in Paris verstorbenen Ingenieurs war es, die Rheinufer und Siedlungen vor Hochwasser zu schützen, den Fluss als Grenze in einem fest definierten Bett zu halten, die Bedingungen für die Schifffahrt zu verbessern und Feld- und Siedlungsraum zu gewinnen. Mit seinen Worten ausgedrückt: »Kein Strom oder Fluss hat mehrere Arme nöthig.« Also wurde zwischen 1817 und 1879 nach seinen Plänen die erste Rheinbegradigung durchgeführt: Der Flusslauf des Oberrheins durchstach zahlreiche Schlaufen und verkürzte sich spürbar von 135 auf rund 85 Kilometer, Dämme und Deiche sorgten für Sicherheit gegenüber Hochwasser.

 

 

Aber: Der Fluss nahm damit auch an Geschwindigkeit zu. Zwar ermöglichten die festen Ufer auch feste Wege und vereinfachten damit das so genannte Treideln. Das bedeutet, dass bis zur Erfindung von Dampfschiffen und wo kein Segeln möglich war Schiffe von Muskelkraft flussauf bewegt wurden. Es waren Menschen oder Pferde, die diese mühsame und gefährliche Arbeit leisteten.

Das künstliche Flussbett verstärkt Hochwasser.

So wandelte sich der Rhein im 19. Jahrhundert vom weitgehend unberührten Wildstrom zum gezähmten Riesen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es zu weiteren Eingriffen in den natürlichen Fluss der Dinge: »Mit dem Versailler Vertrag von 1919 erhielt Frankreich das Recht, Wasser aus dem Oberrhein auszuleiten und Energie durch die Nutzung der Wasserkraft zu gewinnen. Bis in die 70er-Jahre hinein entstanden zehn Staustufen«, führt Klaus Hofmann aus. Die dramatische Folge: »Nach dem Oberrheinausbau führte der Verlust an überschwemmbaren Auenflächen dazu, dass wichtige Lebensräume für selten gewordene Tiere und Pflanzen verlorengingen. Hochwasserwellen können heute deutlich höher ansteigen. Die Hochwasserwellen des Rheins treffen mit denen der Nebenflüsse zusammen.«

In diesen Fällen ist es gut, wenn sich das Wasser – wie früher – auf Überflutungsflächen ausbreiten kann und damit seine Masse und Fließgeschwindigkeit reduziert. »Flächen durch immer höhere Dämme zu schützen gelingt nicht, da sich dadurch die Hochwassergefahr für die stromabwärts gelegenen Gebiete verschärft. Deshalb werden im Rahmen des Integrierten Rheinprogramms (IRP) ehemalige Überflutungsflächen wieder aktiviert. Dies geschieht zum Beispiel durch Dammrückverlegungen und Polderbau. Mit der Anbindung an die natürliche Flussdynamik des Rheins werden innerhalb der Rück-
halteräume neue Auenlebensräume für allerlei typische Tiere und Pflanzen entstehen«, äußert sich Klaus Hofmann zuversichtlich.

Ein besonderes Revier

Auch die Wasserschutzpolizei in Karlsruhe kennt die Tücken des Rheins unweit der Fächerstadt. Die 46 Beamtinnen und Beamten sind zuständig für den Rhein zwischen Iffezheim und Germersheim und die mit ihm verbundenen Gewässer, also auch Baggerseen, Auen und der Hafen. Petra Herr, Leiterin des Ermittlungsdienstes, erklärt, warum der Rhein bei Karlsruhe anspruchsvoll zu navigieren ist: »Die großen Buhnen, auch Kribben genannt, sollen die Fließgeschwindigkeit des Wassers bremsen. Sie sind aber gefährlich für den Schiffsverkehr. Zudem kreuzen sich die Fahrwege für die rheinaufwärtsfahrenden und die rheinabwärtsfahrenden Schiffe. Wer kein Patent – also keine Fahrerlaubnis – für die hiesigen Rheinkilometer hat, muss mit einem Lotsen fahren.«

Aufgabe der Wasserschutzpolizei ist es wie in anderen Bereichen auch, Gefahren abzuwehren und Störungen zu beseitigen. Am und im Wasser sind dafür zahlreiche Zusatzqualifikationen nötig – vom Umgang mit Gefahrgut über den Motorbootführerschein und Kenntnisse der Binnenschifffahrt bis zum Fischereirecht oder einer Taucherausbildung. Und besondere Kenntnisse über die Rheinstrecke im örtlichen Zuständigkeitsbereich und auch darüber hinaus. »Natürlich haben wir heute alle technischen Geräte an Bord unserer Streifenboote«, erläutert Andreas Weiler, Leiter der Station Karlsruhe, die übrigens rund um die Uhr besetzt ist. Dennoch müsse jeder quasi im Schlaf wissen, wo die Besonderheiten des Rheins liegen.

Andreas Weiler, Leiter der Wasserschutzpolizeistation Karlsruhe,
und Petra Herr, Leiterin des Ermittlungsdienstes.

Man spricht Deutsch. Funk- und Verständigungssprache unter Schiffern und Wasserschutzpolizei ist Deutsch. Die meisten Schiffe kommen aus Deutschland, den Benelux-Ländern, Frankreich und der Schweiz. Ab und zu kommen auch Schiffer aus Osteuropa.

Grenzüberschreitende Polizeiarbeit

Zu den Besonderheiten zählt aus Sicht der Ordnungshüter auf dem Wasser, dass der Rhein hier gleich in doppelter Hinsicht ein Grenzfluss ist: Bei Karlsruhe bildet er die Grenze zu Rheinland-Pfalz und weiter flussaufwärts zum EU-Nachbarn Frankreich. »Wir arbeiten bestens mit den Kollegen zusammen«, schildert Andreas Weiler die polizeiliche Zusammenarbeit in diesem Rheinabschnitt. Mit den französischen Kollegen fahre man regelmäßig gemeinsam auf Kontrollen oder Streifen und auch mit den Kollegen aus dem benachbarten Bundesland laufe der Informationsaustausch reibungslos.

Die Station der Wasserschutzpolizei mit den Bootshallen und einem Anleger für ein kleines Streifenboot liegt direkt am Hafensperrtor Karlsruhe. Denn auch wenn der Rhein bei Karlsruhe sich auf Polder- und Auenflächen heutzutage wieder mehr ausbreiten kann: Vor Hochwasser ist die Stadt nicht gefeit, schließlich reicht der Hafen knapp 3,5 Kilometer in die Stadt hinein. Zum Schutz der im Rheinhafen ansässigen Firmen errichtete die Fächerstadt deshalb 1987 das Hafensperrtor. Steigt der Wasserpegel über 7,50 Meter, schließt sich das Tor und schützt die fünf Hafenbecken vor der Überflutung. Das Vertrauen in die Technik ist also nicht ganz verschwunden.   

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Die Wasserschutzpolizei am Rheinhafen

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