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Für Prof. Dr. Armin Grunwald wird sich auch die Frage nach der Transparenz stellen, wenn wir die Entscheidungswege von künstlicher Intelligenz nicht mehr nachvollziehen können. Provokant könnte man formulieren: Die Automatisierung vernichtet Arbeit. Ein Blick auf die ökonomischen und sozialen Folgen bahnbrechender Innovationen zeigt das. Berühmte Beispiele sind die Dampfmaschine und der mechanische Webstuhl. Stehen wir also tatsächlich vor einer »Disruption« der Arbeit? Also einer radikalen, umwälzenden Veränderung, die ganze Geschäftsfelder erfasst – mit drastischen Folgen für jeden Einzelnen von uns, für Gesellschaft und Politik? Oder ist das technologiefeindliche Hysterie? »Das wissen wir heute nicht«, erklärt Grunwald abgeklärt, »das wissen auch die nicht, die glauben, es zu wissen. Wir haben keine Daten aus der Zukunft.« Grunwald beschäftigt sich sozusagen hauptberuflich mit der Zukunft: Er leitet das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), das wissenschaftliche und technische Entwicklungen in Bezug auf systemische Zusammenhänge und Technikfolgen erforscht. Bereits seit seiner Gründung 1990 wird auch das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag vom ITAS betrieben. »Persönlich denke ich, dass es insgesamt drastische Folgen gibt, aber nicht ›disruptiv‹ – sprich, die Folgen kommen allmählich und nicht plötz-lich«, so Grunwald. Von daher gäbe es viele Möglichkeiten, den Übergang in eine stärker digitalisierte Arbeitswelt menschenfreundlich zu gestalten. »Und nicht vergessen: Wir haben schon seit 40 Jahren eine Digitalisierung der Arbeit!«, so der Leiter des ITAS.

 

Aber wie sieht sie nun aus, die »digitalisierte Gesellschaft«? »Was ich sehe, sind heutige Entwicklungen einerseits und visionäre Erzählungen andererseits, ob sie nun Paradies oder Hölle versprechen«, so der Professor. Sicher würden Fragen der menschlichen Individualität wichtiger, Fragen der Demokratie – Manipulation, Filterblasen, Verschwörungstheorien – und Fragen der Privatheit angesichts permanent hinterlassener Datenspuren. Aus der Geschichte könne man nur bedingt lernen. »Wir wissen vorher nicht, was sich wiederholt und was nicht. Aber ich finde das eigentlich gut so. Denn es macht darauf aufmerksam, dass der Verlauf der Geschichte von uns abhängt, dass wir nicht einfach Rädchen in einem großen Getriebe sind. Damit ist eine Gestaltungsaufgabe verbunden. Wir sollten nicht immer passiv fragen, wie das alles wird, sondern aktiv die digitale Zukunft gestalten.«

Gibt es bald Kunst 4.0?

Die aktuelle Ausstellung Open Codes im ZKM versammelt künstlerische und wissenschaftliche Arbeiten und fordert dazu auf, sich interaktiv mit den digitalen Codes unserer Welt zu beschäftigen.
Fotos: ZKM Open Codes / Felix Grünschloß, ONUK Fotografie Bernhard Schmitt, Dennis Torwart / karlsruhe.digital

 

Im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) geht man schon seit der Gründung 1989 der Mission nach, die klassischen Künste ins digitale Zeitalter fortzuschreiben. Als »elektronisches beziehungsweise digitales Bauhaus« bezeichnete es bereits der Gründungsdirektor Heinrich Klotz. Denn auch auf Kunst und Kultur wirkt sich die Digitalisierung aus. »Die analoge Gesellschaft lebte von der Beziehung zwischen Maschinen, Materialien und Menschen. Diese Welt wird weiter bestehen«, so Prof. Peter Weibel, Direktor des ZKM. »Aber es kommt dazu eine neue Beziehung, nämlich die zwischen Daten, Medien und Menschen. Alles – Texte, Töne, Bilder, Dinge – wird zu Daten. Und Daten können wiederum in Texte, Bilder, Töne, Dinge rückverwandelt werden.« Dies macht Weibel beispielsweise an der Datenmenge fest, die sich mindestens alle zwei Jahre verdoppele.

 

Was wir also laut Weibel für eine funktionsfähige digitale Zivilgesellschaft brauchen, sei ein Datenechtzeit-Management, also die Möglichkeit, die Daten direkt bei ihrem Entstehen zu kanalisieren, zu sortieren und zu verarbeiten. Bei der Digitalisierung sieht Peter Weibel die Bundesrepublik deutlich im Hintertreffen: »Die Dysfunktionalität Deutschlands aufgrund mangelnder Digitalisierung sehen wir täglich im Zug- und Flugverkehr, bei großen Bauprojekten, in der Justiz oder in der Wirtschaft.« Auf die Frage, wie er sich eine digitale Gesellschaft vorstellen würde, antwortet er: »Jedes Individuum kann mehr denn je seine Beziehung zur Umwelt regulieren und kontrollieren. Das heißt, es gibt mehr Freiheitsgrade, mehr Wahlmöglichkeiten, mehr Teilnahmemöglichkeiten für den Menschen«, so der Medienkünstler und ergänzt: »Damit muss der Mensch lernen, umzugehen.« Spielt der Standort Karlsruhe bei dieser Entwicklung eine tragende Rolle? »In den Anfängen des 21. Jahrhunderts gab es dafür eine Chance, dass Karlsruhe ein Zentrum für Digitalisierung wird. Aber mit vereinten Kräften kann Karlsruhe noch einmal seine Chancen wahrnehmen.«

»Es gibt mehr Freiheitsgrade, mehr Wahlmöglichkeiten, mehr Teilnahmemöglichkeiten für den Menschen« Prof. Peter Weibel, Direktor des ZKM

Welche Rolle die Stadt Karlsruhe oder gar die Bundesrepublik einnehmen wird, kann erst die Zukunft zeigen. Sicher ist jetzt schon, dass an allen Ecken an dieser Zukunft gearbeitet wird. Wie wir als Gesellschaft und auch als Einzelperson mit diesen Veränderungen umgehen, müssen wir auch erst im gemeinsamen Prozess lernen. Digitalisierung kann vieles vereinfachen, aber – der Mensch bleibt Mensch.

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