miteinander

Text: Cordula Schulze
Fotos: Anne-Sophie Stolz

 

 

Wir sind in Karlsruhe auf Spurensuche nach menschlicher Wärme und unter­wegs mit Menschen, die sich anderen zuwenden, ehrenamtliche Arbeit leisten – und ganz nebenbei lernen, das Leben zu schätzen.

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Jeden Montag fährt das Team vom Sozial-Treff 88 e. V. zum Ein­kaufen. Genug frische Lebensmittel für 60 bis 70 Mahlzeiten brauchen die Helferinnen und Helfer. Sie dürfen die Räume des Diakonischen Werks »Die Tür« in der Kriegsstraße 88 nutzen, um immer zu Wochenbeginn ein Abendessen für obdachlose Männer zuzubereiten. Auch ältere Frauen mit kleiner Rente und junge Menschen kommen mittlerweile, die Bedürftigkeit ist da. Denn auch im wohlhabenden Karlsruhe gibt es Men­schen, deren Geld kaum für die Grundbedürfnisse reicht – und die Armut wird immer größer, ist sich Elke Schüßler sicher. Die pensionierte Steuerbeamtin schneidet einen großen Berg Zwiebeln für das Hähnchengulasch mit Semmelknödeln, das es an diesem Tag geben soll. Sie ist seit eineinhalb Jahren da­bei, ebenso wie ihre Freundin Renate Marberg. Die enga­gierte Frau mit der roten Brille bezeichnet sich selbst als Workaholic, und so rührt sie nicht nur im ton­nengroßen Topf mit dem Gulasch, sondern kümmert sich auch um sterbende Menschen und minderjährige Flüchtlinge. »Ich helfe gerne«, sagt sie und ergänzt: »Ich empfinde es als Bereicherung.«

60–70 Mahlzeiten zubereiten

Elke Schüßler (hinten) und ihre Kolleginnen engagieren sich im Sozial-Treff 88 e. V. für obdachlose Menschen. Die Kochvorbereitungen stehen dabei am Anfang eines intensiven, oft hektischen und emotional erfüllenden Montagnachmittags.

Und es ist nicht immer einfach zu helfen. Die Gäste sind oft alko­hol- und drogenabhängig, aggressiv oder unnahbar, manch­mal auch gut gelaunt und leicht zu haben. »Wir wissen nie, wie der Montag verläuft. Jedes Mal ist ein neues Mal«, sagt Elena Herrmann, die die Suppenküche Mitte der 90er-Jahre startete. Gemeinsam mit den Helfern deckt sie die Tische liebevoll mit bunten Tischtüchern, bringt üppigen Nach­schlag für die hungrigen Gäste und findet ein gutes Wort für jeden, der sich unterhalten möchte. »Ohne die 14 zuverlässigen, ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer wäre dieses Projekt nicht möglich«, resümiert Elena Herrmann. Wer sich sozial engagiert und etwas für andere tut, tut auch etwas für sich selbst. Die Motivationen sind unterschiedlich. Der eine lebt nach christlichen Werten, der andere möchte sich sinnvoll in seiner Gemeinschaft einbringen, wieder je­mand anderes sucht schlicht das Gefühl, gebraucht zu werden. Nicht zu unterschätzen: der Wunsch, etwas Neues zu lernen und sich persönlich zu entwickeln. Da man sich Frei­wil­ligen­arbeit – anders als Hausarbeit oder Erwerbsarbeit – so aussucht, dass sie zu den eigenen Fähigkeiten und Vorstellungen passt, stiftet sie in der Regel eines: Zufriedenheit.

Das bestätigt auch Christian Fulda vom Amt für Stadt­ent­wicklung in Karlsruhe. Er leitet das Büro für Mitwirkung und Engagement, das unter anderem die Aufgabe hat, ehren­amt­lich Tätige und Freiwillige mit Vereinen und Organisationen zusammenzubringen. Rund 300 tatkräftige Menschen werden momentan gesucht – und die Chancen stehen gut, dass sich Bürgerinnen und Bürger finden, diese Aufgaben anzugehen. Denn: Rund jeder Dritte in der Fächerstadt ist nach eigenen Angaben ehrenamtlich engagiert.

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