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Jeder Dritte in Karlsruhe übt ein Ehrenamt oder eine freiwillige Tätigkeit aus

Die Palette der Tätigkeiten ist breit: Sie reicht vom Übungs­leiter im Sportverein bis zum Dolmetschen in der Flücht­lings­hilfe, vom Hausmeister in einem Bürgerzentrum bis zum Be­suchsdienst bei Senioren. Allein gut 150 Vorlesepatin­nen und -paten sorgen dafür, dass Kinder den Spaß am Lesen kennen­lernen oder nicht verlieren. Die Motivation der ehrenamtlich oder freiwillig Tätigen in Karlsruhe wird regelmäßig unter­sucht und ist in der Bürgerumfrage 2017 veröffentlicht: »Wich­tigste treibende Kraft sind persönliche Gründe, das Interesse am Thema«, erläutert Fulda. »Dazu kommen gesellschaftliches Engagement und soziale Verantwortung – die Ehrenamtler möchten einen Beitrag leisten, die Welt etwas besser machen«, erklärt er. Die Voraussetzung ist aber immer die gleiche, so Fulda: Das Ehrenamt muss Spaß machen und eine innere Be­friedigung verschaffen – auch wenn es mal schwierige Mo­men­te gibt. Engagieren sich die jungen Leute heute anders als früher? Ja, ganz klar, sagt Fulda. Während ältere Freiwillige in der Regel kontinuierlich ihr Ehrenamt ausüben, seien die Jungen lieber projektbezogen aktiv.

 

Keine Scheu vor Verantwortung hat Jasmin Sahin. Die Grün­derin und Geschäftsführerin der Uneson gUG setzt sich dafür ein, dass alle Kinder in Karlsruhe etwas lernen dürfen – auch die, für die kein Schulbesuch vorgesehen ist: die Flücht­lings­kinder in der Landeserstaufnahmestelle (LEA). Der ausländer­rechtliche Status und die Bleibeperspektive sind im Rahmen des Bildungsangebotes »Lernfreunde« von Uneson nicht rele­vant. Das heißt, dass Kinder, deren Familien möglicherweise bald abgeschoben werden, dennoch Bildung erhalten und die Möglichkeit zum Spielen haben. Auf dem Gelände des Uni­ver­sitätscampus Ost ist Platz zum Toben und Kindsein für die 6- bis 14-Jährigen. Um die Beförderung und die Betreuung der Kinder sicherzustellen sowie adäquate Lernangebote zu ent­wickeln, arbeiten Freiwillige und Studierende an dieser un­gewöhnlichen Bildungsoase mit. Deren erster Bufdi – kurz für Teilnehmer am Bundesfreiwilligendienst – kümmert sich bei­spielsweise unter anderem darum, dass die Kinder mit öffent­lichen Verkehrsmitteln zum Campus Ost kommen. Seit seiner Gründung dort vor gut zwei Jahren haben 600 Kinder das Lernfreunde-Haus besucht.

 

 

»Wir sind Profis im Abschiednehmen«, sagt Sahin. Eine trau­rige Feststellung, die es auf den Punkt trifft: Nie wissen die Kinder und die Helfer, ob sie sich am kommenden Tag in glei­cher Konstellation wiedersehen – Abschiebungen und per­sönliche Veränderungen dezimieren die Gruppe immer wie­der. Eines der älteren Flüchtlingsmädchen tröstet dann auch liebevoll eine der freiwilligen Helferinnen, die am nächsten Tag einen »echten« Job antritt und die Lernfreunde verlassen muss – Helfen ist keine einseitige Sache! Das weiß Sahin, die für das Lernfreunde-Haus ihre Erwerbsarbeit als Event-Mana­gerin weitgehend ruhen lässt: »Ich fühle mich berufen und bin total überzeugt, hier das Richtige zu tun. Empathie lebt man!«

»Ohne Enthusiasmus, der die Seele mit einer gesunden Wärme erfüllt, wird nie etwas Großes zu Stande gebracht werden.« Adolph Freiherr von Knigge

Ebenfalls für Kinder macht sich Lukas Giangrasso stark: Der 23-jährige Karlsruher verbringt jeden Sommer drei Wochen im Hardtwald als Betreuer bei den Waldheim Kinderfreizeiten, die das Diakonische Werk organisiert. Wie er zu dieser Tätig­keit kam? – Er war selbst bis zu seinem 14. Lebensjahr Teilnehmer und seitdem ist er als Betreuer dabei. Dafür muss er Ur­laub von seiner Arbeit in der Ausbildung zum Heil­erzie­­h­ungs­pfleger nehmen. Aber es ist ihm wichtig, den Kindern etwas zu geben, ihnen den Spaß an der Natur zu vermitteln. »Klar, die drei Wochen können auch mal anstrengend sein«, sagt er, aber »es ist für mich auch ein Ausgleich zu meiner an­de­ren Arbeit«.

Susanne Butz koordiniert die Freiwilligen bei den Pari­täti­schen Sozialdiensten in Karls­ruhe. Sie versucht, passende Kombina­tionen zu finden zwischen den Senioren, die Be­treu­ung brauchen und wünschen, sowie den Freiwilligen, die regel­mäßig einige Stunden ihrer Zeit in den Dienst eines alten Menschen stellen. »Die Einsamkeit ist groß, oft sind die Fami­lien nicht vor Ort«, sagt sie. Gebraucht werden tatkräftige Zu­packer ebenso wie Menschen mit Geduld, Empathie und Fin­gerspitzengefühl. Einfach mal da sein und zuhören, das leisten eher die weiblichen Freiwilligen. Und die sind beharrlich. »Eine Dame ist seit mehr als zehn Jahren bei uns im Be­suchsdienst aktiv«, berichtet Butz, die ein offenes Ohr für ihre Freiwilligen hat. Sie weiß, wie wichtig es ist, sich die eigenen Gefühle mal von der Seele zu reden – im wahrsten Wortsinn.

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