miteinander

Natur erleben in der Großstadt – was wider­sprüchlich klingt, ist in Karlsruhe möglich. Die »Stadt im Grünen« ist geprägt durch fünf verschiedene Naturlandschaften: von Auenwäldern und Niedermooren über natur­nahe Wasserflächen und Bäche bis hin zu Streuobstwiesen und innerstädtischen Parkanlagen. Karlsruhe zeigt, wie nah wert­volle Natur sein kann und wie wichtig diese für unser Wohlbefinden ist.

Text: Konstantin Maier
Fotos: Anne-Sophie Stolz

 

Schon als kleines Kind, mit fünf Jahren, bin ich gerne zuhause ausgebrochen, habe mich über Felder und Wiesen in Richtung Wald geschlagen. Oft mit nicht mehr als einer ungefähren Ahnung davon, was mich erwartet. Vielmehr hat mich immer das Abenteuer getrieben, das Abenteuer der Entdeckung. Noch heute erinnere ich mich gut an dieses Gefühl, wenn ich Unbekanntes in der Natur zum ersten Mal antreffe – sei es eine verwunschene Lichtung oder gar eine Begegnung mit einem Tier im Wald. Noch heute ist draußen zu sein unglaublich wichtig für mich. Das geht in Karlsruhe zum Glück sehr gut. In weniger als zehn Minuten entflieht man der Stadt ins Grüne.

Mich treibt der innere Entdecker an: Um Karlsruhe von draußen zu zeigen, beschließe ich, auf die Suche nach diesem »Draußen« zu gehen. Dafür möchte ich einmal um die Stadtgrenzen wandern – angefangen beim Oberwald geht es in Richtung der Bergdörfer, nach Stupferich, dann durch den Hardtwald Richtung Karlsruhe-Durlach. Von den Bergen geht es über Felder und Wiesen von Weingarten nach Stutensee und schließlich den Rhein entlang, der Karlsruhe von der Pfalz trennt. Über Daxlanden und Oberreut schließt sich die geplante Kreiswanderung. Ein Erlebnisbericht.

Wenn der Kopf frei wird: der Wald

Der Oberwald markiert den Anfang der Tour. Den meisten Karls­ruhern ist er aufgrund seiner Tiergehege bekannt, die der Zoologische Stadtgarten einst auslagerte. Hier sind seit der Landesgartenschau 1965 unter anderem Przewalski-Urwild­pferde, mesopotamische Damhirsche oder Hirschziegenanti­lo­­pen zu finden. Die Sonne schafft es frühmorgens noch nicht, sich gegen die dichte Wolkendecke durchzusetzen. Doch am Horizont ist der Schein des Morgenrots deutlich zu sehen.

Der Oberwald liegt wie der westlich benachbarte Weiherwald in einer alten Flussniederung; der nacheiszeitliche Fluss teilte sich in verschiedene Arme, deren Überreste noch erkennbar sind. Mehrere kleine Gewässer durchziehen den Wald, darunter der künstlich angelegte Scheidgraben, den ich entlangwandere. Hier begegnen mir gleich mehrere Reiter, auch die ersten Vogellaute beginnen das Rauschen der umliegenden Autobahnen zu übertönen. In den hochgewachsenen Bäumen entdeckt man Mistelnester, die wie wunderliche Luftballons in den Ästen wirken.

Man muss nicht allzu lange wandern, um an den Erlachsee zu gelangen. Beim Anblick des Sees muss ich an das berühmte Werk »Walden« des amerikanischen Autors, Philosophen und Naturalisten Henry David Thoreau denken. In seinem Buch zieht sich der Protagonist zurück in den Wald und lebt zwei Jahre in einer Blockhütte an einem See. So in etwa stelle ich mir diesen See vor. Die Präsenz von Menschen in der näheren Umgebung ist noch deutlich zu spüren, aber man merkt, dass der Kopf mit jedem Schritt mehr auf den »Naturmodus« umschaltet – Geräusche werden intensiver, man hört das Rascheln der Blätter, das Singen der Vögel, spürt den Wind. Das tatsächliche Wandern fängt für mich an, wenn ich merke, dass ich mental auf eine Art Meditation umschalte. Ich bin kein besonders esoterischer Mensch, aber es passiert etwas mit einem, wenn man sich in der Natur bewegt. Tatsächlich macht Wandern auch glücklich, wie zahlreiche Studien zeigen. Nach einer Wanderung verdoppelt sich das Wohlbefinden. Menschen erleben Glücksmomente, wenn sie auf grüne Flächen schauen, denn Grün wirkt beruhigend. Auch gewundene, schmale Pfade werden weltweit als schön und beglückend erlebt: Der Mensch liebt die Abwechslung und das Geheimnisvolle.

Also weiter auf dem Weg: Es geht unter der Autobahn A8 hindurch zu weitläufigen Feldern. Der Fernmeldeturm des Karlsruher Stadtteils Grünwettersbach dient mir als Orientierung. Ich nehme einen Umweg, um nicht entlang der befahrenen Landstraße gehen zu müssen. In Richtung des Fernmeldeturms erlebe ich als Karlsruher eine fast vergessene Erfahrung: eine Steigung, einen Berg sogar! Während man in Karlsruhe einen Hügel lange suchen kann, findet man die höchste Er­hebung beim Wildschwein-Gehege am Fernmeldeturm Grün­wettersbach auf 322,7 Metern über Normalnull. Wie schön Weitblick sein kann: Die Mittagssonne taucht die sanften, tiefgrünen Hügel der Felder und Bäume in unterschiedliche Schattie­rungen. Die roten Ziegeldächer der Wohnhäuser im nahegelegenen Stupferich strahlen wie kleine Feuer in der Landschaft. Hier oben ist die Luft besonders gut. Deswegen beschließe ich, eine kleine Pause einzulegen, und genieße den Ausblick.

Kommunikationsfördernd: die Berge

Weiter geht die Wanderung nach Stupferich. Die Gemeinde ist – wie viele andere im Umland – deutlich älter als Karlsruhe selbst. Das zeigt sich an den vielen Fachwerkhäusern, die hier noch erhalten sind. Eine Pappelallee ist mehr als malerisch – sie gibt sehenswert den Blick auf die umliegenden Felder und Streuobstwiesen frei. Der Weg führt mich durch die Felder hinein in den Hardtwald bei Durlach und Pfinztal. Im Wald treffe ich auf den Hirschkanal, einen der vielen Entlastungskanäle, die in den Rhein fließen und seit Jahrhunderten dazu dienen, den Rückstau aus Rheinnebenflüssen bei Hochwasser abzuführen – im wahrsten Wortsinn kleine Flüsse wie Alb oder Pfinz zu entlasten.

Ziemlich erschlagen erreiche ich Durlach. Hier nehme ich eine ausgiebige Mahlzeit ein und beende den Tag bei einem kurzen Gespräch mit einigen Einwohnern, die mir schnell erklären, dass Durlach ja schon viel älter als Karlsruhe ist – und, so gesehen, Karlsruhe ein Stadtteil Durlachs sein sollte.

Am nächsten Morgen beginne ich wieder relativ früh mit meiner Tour und begegne gegen 10 Uhr zum ersten Mal anderen Wandernden. Und stelle mir plötzlich eine Frage: Wieso grüßt man sich draußen? Beim Spaziergang durch den Stadtpark grüßt man eher keine Fremden, auf dem Land dagegen sagt man umso öfter »Grüß Gott«, »Hallo« oder »Morge«, je menschenleerer die Landschaft wird. Dies könnte so mancher Städter als Heimatfolklore abtun oder gar als Verletzung der Privatsphäre empfinden. So lange, bis er in den Alpen einen Klettersteig entlangbalanciert, ein Gewitter grollend aufzieht und der Handy-Empfang weg ist. Vielleicht ist der Zausel mit dem lächerlichen Seppelhut ja später der Einzige, der den Rettungsdiensten sagen kann, wo man dann suchen muss, denke ich. Deswegen grüße ich vorsichtshalber jeden Menschen auf meinem Weg.

Meine Grußworte bringen mich mit einem Rentnerpaar in Kontakt. Gisela und Karl haben ihr Wohnmobil in Durlach abgestellt. Von da aus unternehmen sie kleine Touren, mal nach Straßburg, mal nach Baden-Baden – aber heute soll es zur sogenannten Ungeheuerklamm gehen. Ich schließe mich den beiden an. Wir plaudern nett über das Leben, das Wandern, über alles. Die Klamm – eine Schlucht im gleichnamigen Naturschutzgebiet – ist ziemlich wild, aber einfach zu laufen. Das ändert sich durch den einsetzenden Regen jedoch sehr schnell. Meine Begleiter beschließen daher, ihre Tour lieber zu vertagen. Ich bleibe dran, mein Plan sieht keinen Regen vor.

Auf rutschigen Pfaden laufe ich die Klamm entlang und stoße auf verwunschene Stege, dicke, umgestürzte Bäume – es wird richtig abenteuerlich. Bevor ich den Steg überquere, vergewissere ich mich, ob nicht etwa die besagten Ungeheuer darunter lauern. Zu meiner Erleichterung ist da nichts. Der Weg führt mich weiter zum Michaelsberg bei Untergrombach. Der ist in der archäologischen Welt über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt, denn er ist namensgebend für eine jungsteinzeitliche Kultur, deren Spuren hier zum ersten Mal beobachtet und dokumentiert werden konnten – die »Michelsberger Kultur«. Heidnische Überreste kann ich nicht entdecken, dafür eine Kirche. Mein Ziel thront am Horizont, unter dem sich weiter verdunkelnden Himmel. Einen kurzen Moment lang überlege ich, ein Stoßgebet zu senden, denn der Regen wird immer stärker. Doch ich unterdrücke meine spontane Gläubigkeit und nehme stattdessen die Beine in die Hand. Oben angekommen wird schnell klar, dass sich auch dieser Aufstieg gelohnt hat: Die Aussicht ist fantastisch. Man überblickt die Rheinebene und sieht auf den Weingartener See. Glücklicherweise findet sich hier auch ein Restaurant, in dem ich mich abtrocknen, ausruhen und stärken kann.

Ein Versprechen von Abenteuer: das Wasser

Im letzten Teil meiner Wanderung entlang der Grenzen von Karlsruhe wird der Regen zum ständigen Begleiter. Aber so ist das nun mal, wenn man sich in der Natur bewegt. Auch das »Ausgeliefertsein« ist Teil der Erfahrung. Die letzte Etappe führt mich über Stutensee an die Nebengewässer des Rheins bei Eggenstein-Leopoldshafen. Durch den fast permanenten Niederschlag in den vergangenen Tagen führt der Rhein Hochwasser, sodass ich immer wieder auf andere Wege ausweichen muss. Die Namen der hiesigen Gewässer versprechen Abenteuer, wie zum Beispiel die Baggerseen »Schmugglermeer« und »Fuchs & Gros« oder das Rheinauengebiet »Kleiner Bodensee«.

Ich schlage mich entlang der Schleifen der Altrheinarme, überfüllter Seen und Entlastungskanäle durch. Auf einem niedrigen Damm am »Kleinen Bodensee« begegnet mir auch mehrere Male eine kleine Gruppe Rehe, die ein Jäger korrekterweise als »Sprung« bezeichnen würde. Ich bleibe kurz stehen, um die Tiere nicht zu erschrecken, und beobachte sie. Erfreut über so viel Natur live wandere ich weiter durch den Ölhafen in Richtung des Rheins. Dort angekommen lässt sich wunderbar auf das gegenüberliegende Bundesland, auf die benachbarte Südpfalz, blicken. Durch das viele Wasser sieht es beinahe so aus, als wäre Karlsruhe eine Insel, umgeben von Wasser. Und wenn man dann weiter am Rheinhafen entlangläuft, fühlt es sich tatsächlich an, als wäre Karlsruhe Klein-Hamburg: Große Kräne, Schiffscontainer und markante Backsteingebäude zeigen ein ungewohntes Bild der Stadt.

Zuhause angekommen habe ich nicht nur nasse Socken im Gepäck, sondern auch zahlreiche Naturerlebnisse und überraschende Ansichten einer mir eigentlich bekannten Umgebung. Rund um die Fächerstadt finden sich Wälder und Streuobstwiesen, Hügel oder Berge mit beeindruckender Aussicht, Flüsse und Seen. Die Vielfalt, die Karlsruhe als Stadt im Kern trägt, entfaltet sich auch entlang ihrer Grenzen. Genauer hinsehen lohnt, rausgehen und erleben allemal.

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