miteinander

Mut

Mut ist der Schritt aus der eigenen Komfortzone heraus. Von gefassten herzen und großen Erfolgen.

Text: Cordula Schulze
Fotos: Anne-Sophie Stolz

 

Bis ich vom 1-Meter-Brett gesprungen bin, vergingen zähe Wochen. Meine Eltern fuhren geduldig Samstags mit mir ins Schwimmbad und versuchten, mir Mut zu machen. Das Mutschöpfen war verbunden mit zittrigen Knien und schlechter Laune. Irgendwann habe ich mich dann getraut. An die Freude, die Erleichterung erinnere ich mich noch gut. Denn natürlich ist mir nichts passiert, im Gegenteil: Schon bald machte mir der Sprung vom wippenden Brett ins Blaue hinein richtig Spaß. Auch wenn ich später nicht höher als bis zum 3-Meter-Brett gekommen bin, so erzählt die Anekdote doch einiges darüber, wie Mut funktioniert, zum Beispiel, dass Mutigsein immer etwas sehr Persönliches ist. Außerdem bestätigt sie die These, dass Mut zufrieden macht.

 

Aus der Komfortzone heraustreten

Mut macht ein gutes Leben aus, sagt der US-amerikanische Psychologe Robert Biswas-Diener, der sich mit positiver Psychologie befasst, also mit Glück und Wohlbefinden. Wer aus seiner persönlichen Komfortzone heraustrete und mutig handele, werde mit dem Gefühl der Zufriedenheit belohnt. Angst halte uns von vielem zurück; Mut und der Wille zu handeln brächten uns voran. Eine meiner ersten Gesprächspartnerinnen ist Migerra. Sie ist Rapperin, lebt und studiert etwas Technisches in Karlsruhe. Ihr Markenzeichen sind der leuchtend rote Schopf – und ihre Energie auf der Bühne. Eine junge Frau hat Erfolg in einer Musikrichtung, die für Frauenverachtung verschrien ist, kann das funktionieren? Sie sei mit Jungs aus der Nachbarschaft groß geworden. Beim Kicken auf dem Bolzplatz zwischen den Wohnhäusern und beim gemeinsamen Abhängen ging das los mit dem Reimen, den Wortkaskaden, den Rhythmen. Bald erfand sie ihre eigenen Beats und fing an, aufzutreten. Sie hat sich nach und nach ihren Platz erobert. Und dem Mikro sei es schließlich egal, ob sie eine Frau ist. Die vorsichtige Frage, ob das nicht Mut und Überwindung koste, on stage über Gefühle und Befindlichkeiten und Toleranz zu rappen, lacht sie weg: »Auf der Bühne haue ich richtig raus. Die Leute spüren die Energie und gehen mit. Da fühle ich mich lebendig. Die Zeit steht still.« Wow! Wo bleibt da der Mut, frage ich. Migerra erklärt mir: »Mut ist die Courage, etwas zu tun, das sich andere nicht trauen. Eine Kombination aus Emotion und Verstand. Mutig wird man, wenn man die Frage beantwortet, was einem selbst und anderen guttut. Wenn man seinen Werten treu bleibt und das lebt, was man sagt.« Wer mit sich im Reinen ist, kann klar und mutig handeln. Migerra nennt es Realness, ich nenne es Authentizität. Ich glaube, wir meinen das Gleiche. Doch wohin mit all der Energie und den Ideen? Bis Corona vorbei und Konzerte wieder möglich sind, steht Migerra in Kontakt mit ihren Fans auf Instagram und tüftelt schon an neuen Songs.

Portrait von Rapperin Migerra aus Karlsruhe neben Detailaufnahme von auffälligem Schmuck

Bling-Bling! Was Rapper können, kann Rapperin Migerra schon lange: Mit auffälligem Schmuck Statements setzen. Panzerketten und funkelnde Steine sind die typischen Accessoires ihrer Musikszene.

»Auf der Bühne haue ich richtig raus. Die Leute spüren die Energie und gehen mit. Da fühle ich mich lebendig. Die Zeit steht still.« Migerra

Verantwortung zu übernehmen erfordert Courage

Auf eine ganz andere Art hat Maren Mistele in einer Männerdomäne ihren Platz gefunden. Die heute 28-Jährige hat am KIT Wirtschaftsingenieurwesen studiert, eine Mischung aus Technik, Wirtschaft und Informatik. Im Studium engagierte sie sich im studentischen Verein Engineers Without Borders – Karlsruhe Institute of Technology e. V., kurz EWB. Der hat zum Ziel, mit Menschen in benachteiligten Regionen durch Ingenieurprojekte neue Perspektiven zu schaffen. Wichtig sind dabei, dass die Lösungen nachhaltig sind und dass die Projektarbeit interkulturell und auf Augenhöhe geschieht. Insgesamt 25 Projekte in der ganzen Welt haben Gruppen angehender Ingenieure seit 2005 bereits umgesetzt, acht weitere laufen derzeit. Maren Misteles Herzensprojekt befand sich in Haiti. Dort sollten in einer ländlichen Gemeinde eine neue Schule und ein Waisenhaus gebaut werden: Ihr erster Einsatz im von Naturkatastrophen und Misswirtschaft geschüttelten Karibikstaat. Drei weitere Reisen sollten folgen, mittlerweile hatte Maren Mistele die Projektleitung übernommen. Der Schulkomplex brauchte neue Gebäude wie eine Mensa. War das nicht gefährlich? »Ja und nein«, sagt sie. »Einerseits gibt es eine Partnerorganisation vor Ort, die die Lage gut einschätzen kann. Mit Blick auf Empfehlungen des Auswärtigen Amts muss jedes Team von EWB aber aufs Neue entscheiden, ob und wie es die Reise plant und antritt.«

Die Ingenieurin Maren Mistele war mit einem studentischen Verein vier Mal in Haiti, um ein Waisenhaus, ein Schulgebäude und noch mehr zu bauen. Das Projekt braucht Mut, sagt sie, und es wuchs ihr ans Herz.

»Wenn man den Projektpartnern und den Menschen vor Ort verspricht, dass man eine neue Schule errichtet, dann will man das auch schaffen. Diese Verantwortung zu übernehmen und dafür geradezustehen, dass dann alles auch mit viel Improvisation und Einfallsreichtum klappt, das braucht auch Mut.« Maren Mistele

Herzensangelegenheit: Von ihren Haiti- Einsätzen sind für Maren Mistele nicht nur tolle Erinnerungen übriggeblieben, auch ein Modell des Mädchenwohnheims der Schule in Beaumont. Das erinnert sie daran, dass die Schülerinnen sehr beeindruckt waren, Frauen auf einer Baustelle arbeiten zu sehen. Eine ungeplante Vorbildfunktion!

 

Regeln hinterfragen und aus tiefer Überzeugung brechen:

Das haben mutige Karlsruherinnen und Karlsruher in der Vergangenheit bereits getan, und manche davon hat ihre Zivilcourage das Leben gekostet. Zum Beispiel der junge Egon Kern . Als er in der Nazizeit sozialistische Dokumente und Zeitschriften per Rad von Mannheim nach Karlsruhe schmuggelte, war er 16, noch ein Lehrling. Bekannter ist der jüdische Rechtsanwalt Ludwig Marum , der sich gegen den Nationalsozialismus einsetzte und im Konzentrationslager Kislau bei Bruchsal ermordet wurde.

Dieter Bürk vom Verein Lernort Zivilcourage und Widerstand für Demokratie und Menschenrechte neben Illustration für einen Motion Comic des Vereins

links: Dieter Bürk engagiert sich im Verein Lernort Zivilcourage und Widerstand für Demokratie und Menschenrechte. Junge Leute sollen die Chance haben, sich mit Nazizeit und Holocaust direkt und unmittelbar auseinanderzusetzen.

Damit junge Menschen lebendige und anschauliche Einblicke in die schwierige Zeit des Nationalsozialismus bekommen, hat der Verein Lernort Zivilcourage und Widerstand unter anderem Motion Comics produzieren lassen, die auch online abrufbar sind

Junge Menschen beziehen Position

Der Verein Lernort Zivilcourage und Widerstand e. V., will mit seiner Arbeit das Bewusstsein für Demokratie und Menschenrechte insbesondere bei jungen Menschen stärken und setzt sich für die Errichtung eines Lernorts im ehemaligen Konzentrationslager Kislau ein. Die Idee: ein aktives und gegenwartsbezogenes historisches Lernen an konkreten Beispielen aus der Region zu fördern. »Wenn sich nicht junge Menschen für Demokratie, Menschenrechte und eine vielfältige Gesellschaft einsetzen, dann hat unsere Demokratie keine Zukunft. Das Bewusstsein für diese Themen ist nicht angeboren. Jungen Menschen wollen wir deshalb die Gelegenheit geben, sich außerhalb des Schulplans mit der Geschichte zwischen 1919 und 1945 zu befassen und daraus für heute zu lernen«, sagt Dieter Bürk, selbst langjährig als Gewerkschafter aktiv. Er hebt hervor, dass der Verein jährlich den Preis »Jugend zeigt Zivilcourage« auslobt und tolle junge Menschen auszeichnen kann. Zum Beispiel eine Schulklasse, die sich über den Unterricht mit jüdischer Geschichte befasst, eine Schülergruppe von Amnesty International, die sich für Menschenrechte aktiv engagiert, oder ein junger israelischer Spieler vom TSG Hoffenheim, der klare Position zu den Themen des Vereins bezieht. »Das macht mir Mut«, sagt er.

 

Beschimpfungen? Hier rein – da raus

Humor und Gelassenheit brauchte Christina Fischer, als sie anfing, sich in den sozialen Medien zu feministischen Themen zu äußern. Dass das ein mutiger Schritt sein soll, kann man sich im 21. Jahrhundert ja kaum vorstellen. Doch die Realität zeigt: Frauen, die sich für vermeintlich unpopuläre Themen stark machen – für Gleichberechtigung, gegen Rassismus oder gegen Rechtsextremismus –, sind teilweise großen Anfeindungen ausgesetzt. Das geht über den Austausch von Argumenten weit hinaus hin zu persönlichen Angriffen, Bedrohungen oder gar Mord- und Vergewaltigungsfantasien. Wer in der öffentlichen Debatte das Wort ergreift, braucht ein dickes Fell. Ihr erster Kommentar gegen eine sexistische Werbung schlug gleich solche Wellen, dass Christina Fischer sich im Zentrum eines so genannten Shitstorms wiederfand. Das liegt jetzt ein paar Jahre zurück. Heute arbeitet sie in der Online-Redaktion der Badischen Neuesten Nachrichten und schreibt über aktuelles Zeitgeschehen. Auch wenn sie auf eine ausgewogene Darstellung ihrer Themen achtet und immer möglichst alle Beteiligten zu Wort kommen lässt, bringen ihre Beiträge gelegentlich lebhafte Diskus-sionen mit sich. Das begrüßt die 33-jährige, studierte Soziologin grundsätzlich.

Dass nur ein Sohn Stammhalter sein kann, fand sie schon als Kind seltsam. Heute setzt sich Christina Fischer für ein gutes Miteinander der Geschlechter ein.

»Ich zeige Flagge, wer ich bin und was meine Werte sind. Das ist auch ein gutes Gefühl.« Christina Fischer

Wer öffentlich Position bezieht, braucht eine gute Argumentationsbasis. Im Buchregal von Christina Fischer wechseln sich feministische Klassiker und aktuelle Analysen ab. Kein Wunder, dass sie auch immer wieder Bücher zum Thema empfiehlt: Die studierte Soziologin hat sich schon früh mit Gender Studies befasst.

Mit Vertrauen den eigenen Weg beschreiten

Aber es ist nicht einfach, »man muss einstecken können und lernen, unsachliche Kritik, Bedrohungen und Beschimpfungen wie ›Feminazi‹ an sich abperlen zu lassen. Hier rein – da raus«, schmunzelt sie. Christina Fischer findet sich nicht mutig. Es sei wichtig, hinter seiner Arbeit stehen zu können und auch privat seine Werte zu leben.

 

 

 

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