miteinander

Ein einzigartiges Gefühl: Nähe ist Verbindlichkeit und Geborgenheit, gleichzeitig steht sie im Wettstreit mit unserem Wunsch nach Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Wie Menschen in Karlsruhe Nähe herstellen, genießen – und manchmal auch aushalten, davon erzählt dieses Schwerpunktthema.

»Komm mir bloß nicht zu nah!« möchte man dem Häuslebauer zurufen, der mit einem Neubau auf dem Hinterhof das städtische Gewebe nachverdichtet.»Ich fühle mich dir nah, weil ich mich nicht erklären muss«, sagt die Freundin.»Ich bin doch ganz in der Nähe!«, sagt der Sportverein, zu dem man dann statt mit dem Rad mit dem Auto fährt. Nähe ist ein widersprüchlicher Zustand. Man sucht sie instinktiv und muss doch lernen, mit ihr umzugehen. Manchmal kann man sie messen und verstehen, manchmal bleibt sie ein Gefühl.

 

Text: Cordula Schulze
Fotos: Anne-Sophie Stolz

 

»Wir wollen nicht in der Anonymität einer Mietswohnung leben«, beschlossen Margret und Horst Babenhauserheide vor einigen Jahren. Ihre Alternative zum Altbau in der Weststadt: genossenschaftliches Bauen und gemeinschaftliches Leben im Albgrün. Sie suchten die Nähe zu anderen Menschen, nachdem sie schon viele Jahre als WG mit anderen und als Familie mit ihrem Sohn gelebt hatten. »Es stimmt schon, über die 30 Jahre in der Weststadt sind Bindungen entstanden, aber es ist auch eine gewisse Distanz geblieben. Die wollten wir überbrücken. Freunde holten uns beim Projekt ›Wohnen im Albgrün‹ an Bord. Und das war genau das Richtige. Schon in der fünfjährigen Planungsphase entstand viel Nähe und Gemeinschaft mit den künftigen Mit-Eigentümern der Genossenschaft. Heute leben wir mit rund 250 Menschen in rund 100 Wohneinheiten. Es haben sich neue Beziehungen und Freundschaften gebildet. Das gefällt uns gut. Besonders schön finden wir den generationenübergreifenden Ansatz. Unsere Enkelkinder kommen gerne zu uns, weil sie hier gleichaltrige Freunde haben. Und wir stehen in Kontakt mit jüngeren Familien und deren Kindern«, sagt Horst Babenhauserheide. Die beiden mögen das lebendige Miteinander im Albgrün; als ehemalige Sonderschullehrerin und Sonderschullehrer haben sie sich ganz bewusst für die Nähe zu anderen entschlossen.

Nachbarschaft leben
Im Albgrün teilen sich 250 Menschen gemeinsamen Raum. Lucia und ihr Sohn Moritz genießen mit Wahl-Opa Horst einen sonnigen Moment im Albgrün.

 

Sozialer Raum
Dass mal gegrillt wird oder dass die Kinder mit ihren Bobbycars im Hof Rennen fahren, gehört für die Anwohner im Albgrün dazu.

Nähe und Distanz – ein Wechselspiel

»Nähe ist immer eine bewusste Entscheidung«, bestätigt Eva Laraia, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Anka Schneider Paar- und Familienberatung in der Karlsruher Oststadt anbietet. Sie führt aus: »Jeder entscheidet, wie viel Nähe er oder sie zu anderen haben möchte. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel von der Stimmung oder von der Erziehung. Auch kulturelle Faktoren spielen eine Rolle«, schmunzelt Eva Laraia, deren italienischer Teil der Familie ein ganz besonderes Verhältnis zu Nähe hat. »Nähe« ist also etwas, das jeder für sich erfindet und abwägt – immer wieder neu. Denn: »Schon die unabdingbare Nähe einer frisch gebackenen Mutter zu ihrem Kind kann überwältigend sein; wenn beispielsweise durch das Stillen die Abhängigkeit nach Nähe zum Muss wird und sich zwischen die vielen schönen Gefühle plötzlich der Wunsch nach Abgrenzung schiebt. Wenn unter Müttern darüber nicht auch offen geredet werden darf, entsteht leicht ein Gefühl der Unzulänglichkeit«, erläutert Anka Schneider.

Auch Karlsruhe als Stadt hat sich für Nähe entschieden: Als Stadt der kurzen Wege und als Fahrradmetropole unterstützt die Fächerstadt ihre Bürger dabei, Nähe als Lebensqualität zu erfahren. Ein dichtes Netz von öffentlichenVerkehrsmitteln ist dafür ein entscheidender Faktor. Ein weiterer: Als ausgezeichnete Fahrradmetropole hat Karlsruhe einen hohen Anteil an aktiven Radfahrern. Der so genannte Modal Split – also die Aufschlüsselung der verschiedenen Verkehrsmittel für individuell zurückgelegte Strecken – sieht für das Radfahren in Karlsruhe einen Spitzenwert. »Bereits mehr als 25 Prozent nutzen das Rad. Im Rahmen des integrierten Stadtentwicklungskonzepts wurde 2012 ein neues Ziel ausgegeben. Bis 2020 soll ein Modal Split von 30 Prozent erreicht werden. Daran arbeiten wir zurzeit«, erläutert Ulrich Wagner vom Stadtplanungsamt. Zum Vergleich: Der bundesweite Modal Split liegt bei 11 Prozent für das Fahrrad.

 

Leben, Einkaufen und Arbeiten rücken zusammen

Zur städtischen Lebensqualität gehört auch die gute Erreichbarkeit von Einkaufsmöglichkeiten, Kultureinrichtungen, Ärzten und Ämtern. In ihrer Untersuchung der Nahversorgung in den Stadtteilen (Beiträge zur Stadtentwicklung 53) stellt die Stadt Karlsruhe unter anderem dar, dass Nähe zur Zufriedenheit beiträgt: Rund zwei von drei Karlsruherinnen und Karlsruhern sind mit dem Angebot der Nahversorgung weitgehend zufrieden und bewerten die Versorgung im Stadtteil mit Einzelhandelsgeschäften als »gut« oder »sehr gut«.

In der 4 500 Personen umfassenden Befragung wird deutlich, dass diejenigen am zufriedensten sind, die ihren täglichen Bedarf an Lebensmitteln und Dienstleistungen im Stadtteil oder Nachbarstadtteil decken. Ein interessantes Ergebnis der Studie: Tante Emma ist zurück! Geschäfte in Wohnungsnähe gewinnen wieder an Bedeutung.

Dicht oder hoch? Die Stadt wächst

Karlsruhe rückt derzeit näher zusammen. Noch ist die große Veränderung nicht spürbar, aber bald wird die trennende, breite und ungemütliche Ost-West-Achse Kriegstraße im Tunnel verschwunden sein. Viel Trennendes überwunden hat auch Sascha Kurfiss: Knapp fünf Jahre lebte er in China und lernte dort in der Altstadt von Peking die traditionellen Stadtviertel kennen, die sehr eng gebaut und mit gemeinschaftlichen Sanitäranlagen ausgestattet sind. »Freunde von mir wohnten in einem dieser historischen Wohnhöfe. Dort leben die Menschen in großer Nähe, auch nachbarschaftlicher Fürsorge. Heute werden die eingeschossigen Wohngebiete abgerissen und die Anwohner trauern dem traditionellen Leben hinterher«, sagt der Kommunikationsexperte, der kürzlich mit seiner Familie wieder nach Karlsruhe gekommen ist.

Naherholung
In der Südstadt-Ost stehen die Gebäude recht eng und lassen dafür viel Raum für das grüne Parkband, das die Südstadt mit dem Otto-Dullenkopf-Park am Schloss Gottesaue verbindet. Die Stadt bereitet sich auf eine Zunahme von Hitzeperioden vor. Kühlendes Grün ist ein wichtiges Mittel der urbanen Klimaregulierung.

 

Die Karlsruher Stadtentwickler machen sich ebenfalls Gedanken darüber, wie dicht eine Stadt bebaut sein kann und soll. Denn Karlsruhe verzeichnet jährlich einen Zuzug von mehreren tausend Menschen – die Stadt wächst. Nach Prognosen des Landesamts für Geoinformation und Landentwicklung wird die Bevölkerung im Nachbarschaftsverband bis 2030 um etwa 15 000 Personen ansteigen. Der Nachbarschaftsverband Karlsruhe umfasst außer der Fächerstadt zehn Nachbargemeinden. Im gemeinsamen Flächennutzungsplan wird über die Gemarkungsgrenzen hinweg die Entwicklung von Siedlungs- und Freiflächen koordiniert. Heike Dederer vom Stadtplanungsamt sieht das Bevölkerungswachstum positiv: »Wir haben beispielsweise viele Studenten, die nach dem Studium hier bleiben wollen, Familien gründen und sich ein Leben aufbauen. Darauf müssen wir uns als Stadt einrichten.« Die aktuelle Diskussion um Wohnraum wird auch in Karlsruhe sehr lebhaft geführt. Hat man in den 1960er-Jahren noch neue Stadtteile in den Außenbezirken errichtet, wählt man heute eine andere Vorgehensweise, die Verdichtung des Bestehenden. Denn: Die Stadt soll möglichst nicht weiter in der Fläche wachsen.

»Nachverdichtung ist ein wichtiges Werkzeug für die Durchmischung von Wohnvierteln. Ein belebtes Viertel mit Geschäften, Gastronomie und kulturellem Leben schafft soziale Sicherheit.«

Falk Schneemann, Architekt

 

Jedes Bauvorhaben individuell betrachten

Ganz eigene Ideen dazu hat Falk Schneemann. In einem Ideenwettbewerb für neue Wohnkonzepte zur Verdichtung der Stadt Karlsruhe schlug er vor, die Dächer von Garagen zu bebauen, um den wertvollen Raum besser zu nutzen, den heute oft Garagenhöfe blockieren. »Bei allen Überlegungen ist es wichtig, dass zunehmende Nähe angenehm und bereichernd für alle Beteiligten ist. Aber wir dürfen uns keiner Illusion hingeben: Mehr Nähe kann einerseits Lebendigkeit und Lebensqualität bedeuten – eine Dynamisierung des Umfeldes. Andererseits kann auch ein Blick verbaut werden oder mehr Leben auch mehr Lärm bedeuten. Letztendlich muss sich Karlsruhe entscheiden, ob es sich zur Urbanität bekennen will.«

Das Räumliche Leitbild formuliert sieben Zielrichtungen aus, darunter eine flächensparende Bodenpolitik, eine Symbiose aus Landschaft und Stadt, die lebenswerte Stadt – sozial gerecht und mit vielfältigem Wohnraum – sowie Klimaanpassungspolitik und Vernetzung. Dazu kommen Denkmalschutz, Wünsche der Anwohner, die Frage nach einer tragfähigen Verkehrs- und Infrastruktur. Wie stellt man die Balance her zwischen all diesen Aspekten? »Da hilft nur die individuelle Betrachtung jedes einzelnen Bauvorhabens«, erläutert Stadtplanerin Heike Dederer. Sie plädiert dafür, Nachbarschaft auch als Lebensqualität zu begreifen. Schließlich ziehe es die Menschen in den urbanen Raum.

 

Auch Piotr Tomczyk kam vor gut zehn Jahren nach Karlsruhe und begann hier, als Pädagoge zu arbeiten. Der gebürtige Pole übt als Tänzer und Performer eine ganz andere Art von persönlicher Nähe. Ursprünglich interessierte er sich für Performances, lernte Mitstreiterinnen und Mitstreiter kennen und gründete im Sommer 2012 »BIK performance – Begegnung in Karlsruhe«.

Eng miteinander
Anne, Piotr und Christoph loten bei der Kontaktimprovisation tanzend persönliche Nähe aus.

 

Improvisation und Nähe als künstlerischer Ausdruck

Manchmal nähert er sich seinem Publikum an, indem er darauf zugeht und im öffentlichen Raum tanzt und performt. Karlsruhe kennt ihn zum Beispiel von seinen Auftritten zur Sascha-Walz-Ausstellung im ZKM oder bei der Kamuna. Er macht Plätze und ungewöhnliche Orte zur Bühne seiner Auftritte, die er gemeinsam mit Gleichgesinnten konzeptioniert und ausführt. Aber auch die Aufführungsform ohne Bühne schafft Nähe zu den Co-Künstlern, und auch zum Publikum. Das muss sich mitbewegen, steht mitunter im Weg oder wird kurzerhand Teil der Inszenierung. »Die Rückmeldung, die Interaktion und die Nähe finde ich faszinierend. Das ist für mich und besonders für den Zuschauer ein intensives Erleben«, sagt Tomczyk.

Eine ungewöhnliche Art von Nähe entsteht bei der Tanzform »Kontaktimprovisation«. Hier loten die Tänzerinnen und Tänzer aus, welche Bewegungen sich aus den wechselseitigen Berührungen und körperlichen Begegnungen ergeben, ganz spontan und gleichzeitig innerhalb eines festen Rahmens, wie beim Jazz. Ob er denn nicht manchmal Schwierigkeiten habe, mit der entstehenden Nähe umzugehen? »Nein«, schildert Piotr Tomczyk seine Erfahrungen, »wir sind als Tänzerinnen und Tänzer unter unseresgleichen. Da nutzt niemand die Nähe aus. Im Gegenteil, der Tanz ist wie eine gemeinsame Ausdrucksform.« Konsequenterweise hat Piotr Tomczyk zu solchen Anlässen auch schon beschlossen, nicht zu sprechen und dennoch über den Kontakttanz mit anderen zusammengefunden – »intensiver, als wenn wir gesprochen hätten«, schließt er.

 

 

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