miteinander

Hörbeitrag
Im Wandel eine Chance sehen – ein Gespräch

 

 

Wenn Kraftwerke zu Kletterparks werden, ist die Zukunft der Energieversorgung schon da. Veränderung begleitet die Arbeit der Stadtwerke.

Interview: Konstantin Maier
Fotos: Anne-Sophie Stolz

 

 

»Nichts ist so beständig wie der Wandel.« Das sagte Heraklit schon im Jahr 500 vor unserer Zeitrechnung. Und an der Wahrheit dieser Erkenntnis hat sich bis heute nichts geändert. Wie sich die Stadtwerke Karlsruhe im Wandel positionieren, wie sie ihn gestalten und welche Themen auf  sie und ihre Kunden zukommen – darüber hat miteinander im Januar mit den beiden Geschäftsführern Michael Homann und Dr. Olaf Heil gesprochen.

 

Technologien treiben den Wandel voran. Wie reagiert man da als Unternehmenslenker? Wie entscheidet man?

Dr. Olaf Heil: »Der Wandel wird natürlich auch die Energiewirtschaft in den nächsten fünf bis zehn Jahren weiterhin massiv beeinflussen. Das heißt, wir müssen uns als Stadtwerke jetzt schon gut darauf vorbereiten. Und das tun wir bereits, indem wir neue Geschäftsfelder erschließen. Zwei Themen sind besonders wichtig aus unserer Sicht: die Digitalisierung und der Klimawandel.«

Hat Karlsruhe oder haben die Stadtwerke Karlsruhe dabei eine Pionierrolle?

Dr. Olaf Heil: »Die Stadtwerke Karlsruhe sind als modernes und innovatives Unternehmen natürlich Vorreiter. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, zunächst die Daseinsvorsorge für die Bürger der Stadt Karlsruhe zu gewährleisten. Aber es ist auch unsere Aufgabe, uns vorzubereiten auf die nächsten Jahre, in denen neue Themen auf uns zukommen werden, damit wir dann unsere Aufgabe weiterhin wahrnehmen können. Das bekannte Dreieck aus der Energiewirtschaft – Wirtschaftlichkeit,Versorgungssicherheit und Umweltfreundlichkeit – bedienen die Stadtwerke Karlsruhe schon heute. Dazu kommt jetzt noch eine vierte Stufe, nämlich Innovation, Digitalisierung und neue Aspekte, die jetzt in den nächsten Jahren sehr schnell, sehr massiv auf die Stadtwerke Karlsruhe und auf die Belegschaft zukommen werden.«

Wie wichtig ist der Wandel?

Michael Homann: »Der Klimawandel, wenn man sich die letzten Sommer anschaut, ist bereits spürbar. Die Folgen sind messbar: Nie zuvor haben die Karlsruherinnen und Karlsruher so viel Wasser verbraucht wie im letzten Sommer. Das heißt, wir stehen nicht vor dem Wandel, sondern wir sind, in meiner Wahrnehmung, bereits mittendrin. Diesen Herausforderungen müssen wir uns stellen und verschiedenste Fragestellungen beantworten. Dazu gehört zum Beispiel die lokale Energiewende. Wir sind eines der größten Stadtwerke in Deutschland und wir sehen uns da auch in einer gesellschaftlichen Verpflichtung, die Energiewende in Karlsruhe voranzutreiben. Wir sind da auf einem Weg, aber noch lange nicht angekommen.«

Bitte beschreiben Sie die lokale Energiewende. Man hat ja manchmal das Gefühl, es geschehen Dinge an anderen Orten der Welt, die viel größere Auswirkungen haben für unsere Umwelt.

Michael Homann: »Nur weil Indien, China oder andere Länder sich anders entwickeln, entbindet uns das ja nicht von der Verpflichtung, tätig zu werden. Denn: Lokal lässt sich eine Menge machen. In Karlsruhe nutzen wir beispielsweise industrielle Abwärme für die Fernwärme, ohne dass zusätzliches CO2 entsteht. Wir entwickeln bereits Quartiere mit nachhaltiger Energieerzeugung und zunehmender Autarkie: Lokal erzeugt, lokal verbraucht.«

Wie sehen Sie dann die Rolle des Energieversorgers? Es geht ja mittlerweile nicht mehr nur darum, die Bürgerinnen und Bürger mit Energie zu versorgen, sondern eher mit Innovation und Konzepten.

Michael Homann: »In diese Richtung bewegen wir uns. Unsere Rolle kann es sein, die dadurch entstehende Komplexität zu managen. Hier haben wir anderen Marktteilnehmern eine gute Erfahrungsbasis voraus. Gleichzeitig sehen wir uns als Bewahrer des Komforts. Das heißt, wenn dann der Wind mal nicht weht, wenn dann die Photovoltaikanlage mal nicht läuft, dann sollen ja trotzdem Strom und Wärme fließen. Das heißt: Wir als Stadtwerke Karlsruhe sorgen dafür, dass die Versorgung dauerhaft sichergestellt ist. In dieser Rolle können wir einen sehr guten Platz einnehmen.«

Dr. Heil, Sie sind seit dem Jahreswechsel Geschäftsführer der Stadtwerke Karlsruhe. Können Sie uns schon Ihre Ansätze skizzieren?

Dr. Olaf Heil: »Wir verfolgen mehrere Ideen, die wir uns im Rahmen einer strategischen Betrachtung anschauen werden und dann kurzfristig die Entscheidung treffen, in welche Richtung wir gehen. Wir müssen überlegen, wie wir die Investitionsmittel zielgerecht einsetzen und uns weiter verstärken können.«

Sie waren jetzt zuvor bei anderen, internationalen Energiekonzernen. War jetzt dieser Wechsel nach Karlsruhe für Sie auch ein persönlicher Wandel?

Dr. Olaf Heil: »Ich war mehrere Jahre mit meiner Familie im Ausland. Das war natürlich schon ein großer Schritt und damit hat sich sehr viel verändert. Auch der Weg nach Karlsruhe ist ein Wandel, aber Wandel ist für mich immer eine Chance. Ich habe keine Furcht vor Wandel, keine Furcht vor Veränderung. Ich habe in meinem Leben immer erfahren, dass man sich verändert und es ergeben sich immer wieder neue Möglichkeiten, neue Perspektiven, neue Chancen. Ich freue mich darauf, in einem neuen Umfeld Dinge wieder neu zu gestalten.« Michael Homann: »Im privaten Kontext verstehe ich Wandel uneingeschränkt positiv. Die erste eigene Wohnung, die man bezieht. Vielleicht, wenn man das Glück hat, Vater zu werden. Man kann sich vorher gar nicht vorstellen, wie viel Freude das macht. Wenn man dann auf diese Veränderungen schaut, fragt man sich, warum Wandel im beruflichen Umfeld nicht ebenfalls positiv sein kann. Ich glaube, da müssen wir ein bisschen die Sichtweise ändern und im Wandel auch eine Chance sehen – zum Beispiel, sich weiterzuentwickeln, Stärke zu gewinnen.«

Welche Ansätze in Sachen Digitalisierung des Arbeitsumfeldes verfolgen Sie?

Dr. Olaf Heil: »Ich glaube, man muss bei sich selbst anfangen. Lassen Sie es mich mit einem Eishockeyspiel vergleichen, wo man auf dem Eis mit hoher Geschwindigkeit und Intensität spielt, aber genauso auch auf der Bank sitzt und sich erholen kann. Ich muss nicht dauerhaft erreichbar sein und erwarte das auch nicht von unseren Mitarbeitern. Gleichzeitig müssen wir aber lernen, mit der Geschwindigkeit der Branche mitzuhalten und unsere Prozesse immer wieder untersuchen und verbessern. Das heißt, wir können dem Thema Digitalisierung nicht aus dem Weg gehen. Wir müssen aber auf unsere Mitarbeiter aufpassen, damit sie sich nicht daran aufreiben.«

Wie gehen Sie mit der Erreichbarkeit um?

Michael Homann: »Mein Mobiltelefon ist konsequent zwischen 19 und 7 Uhr auf ›stumm‹ geschaltet.«

Dr. Olaf Heil: »Ich bin da schon eher so ein Technologiefreak und nutze mein Handy relativ häufig. Grundsätzlich sehe ich die Technologie als Hilfsmittel: Wir benutzen Technologie, um flexibler und effizienter zu werden. Effizientes Arbeiten hilft einem dann, mit der Veränderungsgeschwindigkeit Schritt zu halten.«

Effizienz als wirtschaftlicher Überlebenskampf?

Dr. Olaf Heil: »Es gibt so einen schönen plakativen Spruch, der heißt: ›Entweder man geht mit der Zeit oder man geht mit der Zeit.‹ Und da ist schon was Wahres dran. Es gibt genügend Beispiele von Firmen, die nicht schnell genug waren, wie zum Beispiel Kodak, die einfach schlichtweg verpasst haben, dass Digitalisierung in der Fotografie dafür sorgt, dass klassische Filme nicht mehr benötigt werden.«

Der Kunde will ja einen günstigen Energieversorger, will aber auch eine garantierte Vollversorgung, aber am besten dann auch noch Ökostrom zum billigsten Preis haben. Kann man da eine Balance finden?

Michael Homann: »Genau darauf kommt es an: eine gesunde Balance zu finden mit einem guten Preis, mit Komfort und Nachhaltigkeit. Ich ergänze, es soll auch ein bisschen autark sein. Unsere Kunden wollen eigenständiger werden und auch verstehen, was bei der Energieerzeugung passiert – mehr Einfluss nehmen und mehr Einsicht haben. Diesen gesellschaftlichen Trend greifen wir auf. Das ist unsere Chance und genau diesen Platz wollen wir auch besetzen und solche Angebote machen – dezentral, nachhaltig, angepasst, ein Stück weit individualisiert. Das machen wir schon heute erfolgreich.«

Dr. Olaf Heil: »Der Kunde bewegt sich in diesem Dreieck – Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit, Sicherheit. Es muss natürlich klar sein, dass man nicht in allen drei Punkten das optimale Ergebnis haben kann, aber man kann als Kunde seinen Schwerpunkt selber bestimmen. Das heißt, ich kann Ökostrom wählen, dann muss ich aber Abschläge in der Wirtschaftlichkeit in Kauf nehmen. Wenn ich ho-he Versorgungssicherheit haben will, dann muss ich darüber nachdenken, ob erneuerbare Energien die optimale Lösung für mich sind.«

»Während früher der Strom in einer Einbahnstraße vom Kraftwerk über die Übertragungsnetze und die Verteilernetze bis zum Verbraucher floss, müssen die Netze heute Stromtransport mit Gegenverkehr bewältigen. Um Erzeugung und Verbrauch bedarfs- und verbrauchsorientiert aufeinander abzustimmen, muss das Stromnetz also ›intelligenter‹ beziehungsweise ›smarter‹ werden.«

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

 

Spüren Sie im Arbeitsumfeld, dass der Kunde auch im Wandel ist und eine andere Haltung gegenüber Energie entwickelt dadurch, dass er mehr Informationen dazu erhalten kann?

Michael Homann: »Energie ist ein Thema in den Medien und damit ist es ein Thema für die Bevölkerung. Früher hatte man als Stadtwerke ein Monopol auf Strom und Gas und da gab es keine Diskussion. Da war man als Kunde ein ›Versorgungsfall‹ und wurde entsprechend behandelt. Das hat sich dramatisch geändert. Die Kunden haben eine ganz andere Erwartung als noch vor 20 Jahren.«

Blicken wir – ohne Realitätszwang – in die Zukunft. Wie könnte die Energieversorgung in Städten wie Karlsruhe künftig aussehen?

Dr. Olaf Heil: »Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die Digitalisierung der richtige Weg ist – digitale Lösungen für eine intelligente Versorgung zu entwickeln. Das heißt, nicht nur die Energieversorgung im Blick zu haben, sondern auch als Stadtwerke den Blick etwas zu weiten in Richtung Kommunikation, in Richtung Smart City. Das Thema umfasst damit auch Mobilität und weitere Bereiche. Diesen Ansatz fasst man unter dem Begriff Sektorkopplung zusammen. Man betrachtet also nicht nur die Energie, sondern auch die angrenzenden Bereiche, die durch Energie beeinflusst werden und umgekehrt aber auch Energieverbrauch und den Kunden beeinflussen.«

Michael Homann: »Lassen Sie uns ein Bild im Kopf malen: In knapp 50 Jahren feiert Karlsruhe seinen 350. Stadtgeburtstag. Bis dahin wird Karlsruhe CO2-neutral sein. Wir werden keine Verbrennungsmotoren mehr in Karlsruhe sehen. Die ganze Mobilität wird vollständig anders stattfinden, als das heute der Fall ist. Auch der Individualverkehr wird anders organisiert sein. Wir werden autonome Fahrzeuge erleben. Die Straßenbahn und das Fahrrad werden die vorwiegenden Fortbewegungsmittel sein. Wir werden uns daran erfreuen, dass die Straßen nicht mehr vollgeparkt sind. Wir werden die Energie in den Quartieren autark erzeugen und bei Bedarf speichern. Die großen Kraftwerke werden zu Kletterparks umfunktioniert, weil wir sie nicht mehr brauchen.«

Wenn man sich zum Beispiel die Ergebnisse der UN-Klimakonferenz in Kattowitz von Dezember 2018 ansieht, kann man nicht behaupten, dass die Entwicklung mit Blick aufs Klima in eine gute Richtung geht.

Michael Homann: »Wie die USA handeln, ist das eine. Aber schauen Sie nach Kalifornien, eine der größten Wirtschaften weltweit. Kalifornien geht einen sehr konsequenten und nachhaltigen Weg. Baden-Württemberg hat mit Kalifornien eine Partnerschaft vereinbart. Sie finden auf lokaler, regionaler Ebene viele Akteure, die sehr ernsthaft dem Thema Energiewende nachgehen. Und immer mehr werden sich daran beteiligen. Wir können nicht darauf warten, dass die Dinge für uns auf hoher Ebene entschieden werden.«

Dr. Olaf Heil: »Ich glaube, dass die Kunden mit ihrer Nachfrage nach nachhaltigen Produkten und Lösungen Fakten schaffen werden.«

 

Weitere Inhalte

Wir sind die Stadtwerke Karlsruhe

Janine Mohr

Nähe

Geborgenheit in der Karlsruher Südstadt